Frankfurter Rundschau, 25.04.10
Tausende Demonstranten vor AKW
Von Jutta Rippegather. Biblis. Sie stehen dicht gedrängt. Nebeneinander. Schulter an
Schulter. Rund vier Kilometer misst die Menschenkette, die das Atomkraftwerk umzingeln.
Sirenengeheul - und auf einen Schlag schlägt das fröhliche bunte Spektakel um in eine
düstere Szenerie. Wie Fliegen fallen die Leute auf die Erde: Kinder, Junge, Alte. "Die
gesamte SPD liegt am Boden" schreit ein Mann in sein Handy, als er die Gruppe prominenter
hessischer Genossen passiert.
Fünf Minuten dauert der Spuk. Dann erwachen die Demonstranten wieder vom symbolischen
Atomtod. Sie stehen auf, klatschen, skandieren dazu laut: "Abschalten, abschalten". Rund
um das Atomkraftwerk ist ihr Ruf zu hören.
Demonstranten
15000 sind es laut Veranstalter, die Polizei spricht von 10000 Teilnehmern. SPD, Grüne,
Linke, DKP, Anarchos, Gewerkschafter - alle zeigen ihre eigenen Flaggen. Die meisten aber
die gelbe mit der roten Sonne. Eine solch große Demonstration hat Biblis schon lange nicht
mehr erlebt. Da waren sich Organisatoren wie Polizei einig.
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Das fünfminütige "Die In" (Schausterben), sagt Julia, hat ihr nochmal nahegebracht, warum
sie hier sind. "Ich habe mich sehr tot gefühlt", sagt die 33-Jährige und blickt auf die grauen
Betonklötze hinter dem Werkstor. "Und bedroht."
Unverständnis bei Belegschaft
Die Menschenmasse vom Samstag will das nicht länger hinnehmen. Sie fordert ein
sofortiges Abschalten des "Schrottreaktors". Weil die Frage des Endlagers nach wie vor
ungelöst ist. "Die setzen unsere Zukunft aufs Spiel", sagt Desiree (16), die mit dem Rad die
30 Kilometer hergestrampelt ist. "Weil ich es mir nie verzeihen könnte, wenn meine Kinder
Leukämie oder Krebs bekämen", sagt Jonas (22), der aus Heidelberg hierherkam. "Weil die
Atomkraft den Ausbau erneuerbarer Energien verhindert", meint Jörg (19), aus Frankfurt.
Angela (25) hat sich mit gelber und schwarzer Farbe Gesicht und Arme bemalt. "Es wird oft
vergessen, was alles schon war." Als in Tschernobyl Radioaktivität entwich, war sie gerade
einmal ein Jahr alt. Ein paar Meter weiter ruft Michael Wilk vom Arbeitskreis Umwelt
Wiesbaden ins Mikrofon: "Der Betrieb von Atomanlagen ist Körperverletzung - und das gilt
für alle Standorte!"
RWE gibt sich ob der Großdemo indes großzügig: "Jeder hat in einer Demokratie das Recht,
seine Meinung frei zu vertreten", lässt Werksleiter Hartmut Lauer in schriftlicher Form
wissen. "Deshalb dulden wir auch die Kundgebung auf unserem Gelände." Unterstützt wird
er vom stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden, der auf Anruf des RWE-Sprechers vor
das Seitentor kommt: Der Reaktor sei sicher, die Demonstration stoße bei der Belegschaft,
1000 Männer und Frauen, "teilweise auf Unverständnis". RWE sei in der Region ein großer
Arbeitgeber.
Ein Argument, das Wilk vom Arbeitskreis Umwelt auch in seiner Rede anspricht. Die Bibliser
müssten nicht um ihre Jobs bangen. Denn nach dem Abschalten müsse schließlich der
Rückbau erfolgen.
Doch die Fronten sind verhärtet. Das Grüppchen Biertrinker im Bibliser Tennisclub findet
keine netten Worte für die vielen Demonstranten, von denen die ersten schon früh um 7 Uhr
angerückt seien. "Das sind doch Bekloppte", sagt Ludwig Schmitt (74), der 25 Jahre die
Kantine des Kraftwerks beliefert hat. "Das ist die sauberste Energie, die es gibt."
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