Biblis
Tausende Demonstranten vor AKW
Demonstranten (Bild: dpa)
Biblis. Tausende Demonstranten haben am Samstag Deutschlands ältestes Kernkraftwerk
im südhessischen Biblis umzingelt. Mit der Aktion erinnerte die Anti-Atomkraft-Bewegung
kurz nach dem Wiederanlaufen des Meilers Biblis A an den Jahrestag der
Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 24. April 1986. Auch die Pläne der schwarz-gelben
Regierungskoalition in Berlin, die Laufzeiten der AKW zu verlängern, wurden bei der
Kundgebung vor dem Kernkraftwerk heftig kritisiert.
Zu der Demonstration, die nach Polizeiangaben friedlich verlief, hatten sowohl lokale als
auch überregionale Umweltgruppen wie der Bund aufgerufen. Die Veranstalter sprachen von
rund 20.000 Teilnehmern, die Polizei von gut 10.000.
Rund 120.000 Menschen stellten sich zeitgleich zu einer 120 Kilometer langen
Menschenkette zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg auf. Die Kette verband die zurzeit
abgeschalteten Atomkraftwerke in Brunsbüttel und Krümmel. Wie im Norden der Republik
attackierten auch die Redner in Biblis die Atompolitik der Bundesregierung.
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Michael Wilk vom Arbeitskreis Umwelt Wiesbaden stellte klar, dass es nicht darum gehe, ein
oder zwei Meiler in nächster Zeit abzuschalten und dann weitere Kraftwerke zu betreiben.
"Es geht uns um die sofortige Abschaltung", sagte der Mediziner. Seit dem das AKW in Biblis
1975 ans Netz gegangen sei, habe es über 800 meldepflichtige Störfälle gegeben, darunter
einen Beinahe-GAU im Jahr 1987. Das spreche für sich. "Das Ding muss abgeschaltet
werden und zwar schnell", sagte Wilk unter großem Applaus.
Aufgrund der Unfallgefahr und der ungeklärten Frage nach der Endlagerung von Atommüll
bezeichnete der Umweltschützer den Betrieb der Kraftwerke als Körperverletzung, die vom
Staat geschützt werde. "Wer die Risiken kleinredet, der handelt kriminell."
Außerdem kritisierte Wilk den im Jahr 2000 ausgehandelten Atomkonsens zwischen der
damaligen rot-grünen Regierung und den Energiebetreibern. Damals sei die Politik der
Atomindustrie zu weit entgegengekommen. "Was wir heute erleben, ist das Ergebnis des
faulen Atomkompromisses". Es zeige sich, dass nur der Druck von der Straße eine Chance
biete, aus der Atomkraft auszusteigen.
Die hessischen Grünen werteten die Umzingelung des Reaktors als "riesengroßen Erfolg".
Die hohe Teilnehmerzahl "zeigt, wie viele Menschen die Abschaltung dieses Schrottreaktors
wollen", teilten die Landesvorsitzenden Tarek Al-Wazir und Kordula Schulz-Asche mit. "Den
heutigen Tag sollten Angela Merkel und Roland Koch sich sehr genau merken."
Die SPD-Politikerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, die von 1998 bis 2009 Bundesministerin für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung war, demonstrierte ebenfalls in Biblis. Sie
sagte der Nachrichtenagentur ddp, der Konsens sei richtig gewesen. "Allerdings will die
jetzige Bundesregierung in Berlin diesen Schritt wieder rückgängig machen. Das halte ich für
fatal", sagte sie.
Auch der hessische SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel kritisierte die
Atompolitik von Schwarz-Gelb. Mit Blick auf die Landesregierung unter Roland Koch (CDU)
sage er, es sei bedenklich, dass sie sich voll hinter die Strategie des Kernkraftbetreibers
RWE stelle.
"Dass heute so viele Menschen heute nach Biblis gekommen sind, ist ein starkes Zeichen
gegen die Sackgassentechnologie Atomkraft und für die vertraglich vereinbarte Stilllegung
des Kraftwerks Biblis", sagte Schäfer-Gümbel. Im Fall Biblis entscheide sich die
Vertragstreue einer ganzen Industrie, da Block A laut Atomkonsens in den kommenden
Monaten vom Netz gehen müsse. Die große Beteiligung an der Protestaktion mache
deutlich, "dass die Menschen den Ausstieg aus der gefährlichen Atomenergie wollen", sagte
Schäfer-Gümbel. (ddp)
http://fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten/hessen/2579301_Biblis-Tausende-
Demonstranten-vor-AKW.html
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