10.10.2010, 13:49:14 Uhr
http://www.sueddeutsche.de/bayern/akw-debatte-das-tabu-gegen-die-panik-1.1009923
AKW-Debatte: Das Tabu gegen die Panik
Was passiert in München bei einem GAU im Reaktor Ohu? Die Suche nach
Informationen für den Katastrophenfall ist eine Odysee durch die Behörden - denn
dort scheint der Gedanke an den GAU verboten.
Am Anfang steht die Beruhigung: ´Ein nach westlichen Standards gebautes
und genehmigtes Kernkraftwerk kann aus physikalischen Gründen nicht
explodieren.´ Das ist die erste amtliche Antwort auf eine Frage, die einem damit
fast schon überflüssig vorkommt: Was passiert mit München, wenn es in Ohu zum
GAU kommt. Wenn aus dem Atomkraftwerk Isar 1 oder Isar 2 in der Nähe von
Landshut nach einer Kernschmelze Radioaktivität austritt. München liegt keine
100 Kilometer entfernt.
Es ist eine Frage, die den Freunden der Atomkraft ketzerisch erscheinen
mag; Atom-Gegner wiederum halten sie für angebracht, schließlich ist Isar 1
einer der ältesten Reaktoren Deutschlands, über dessen Sicherheit heftig
gestritten wird. Eigentlich sollte er 2011 vom Netz, nach den Plänen der
Bundesregierung darf er nun aber bis mindestens 2019 weiterlaufen.
So heftig der politische Streit um die Restlaufzeiten ist, konkrete
Katastrophenszenarien werden dabei nicht diskutiert. Wer dennoch nach ihnen
fragt, begibt sich auf eine Odyssee durch Behörden und Institutionen. Man hört
da schon mal die Gegenfrage, ob man denn mit einem solchen Bericht ´Panik´
erzeugen wolle.
Die Annäherung an eine Auskunft beginnt im bayerischen Umweltministerium:
Wir sind nicht zuständig für den Katastrophenfall, heißt es. Das machen die
Kollegen im Innenministerium. Dort verschickt der Sprecher bereitwillig
einen ´Ratgeber´, eine Broschüre, auf der vorne das Logo von Eon prangt, dem
Ohu-Betreiber. Der Ministeriumssprecher beeilt sich zu betonen, dass ´der
Inhalt von uns ist´, von den Behörden. Explodieren könne also nichts, heißt
es dort.
Warum aber folgen dann 14 Seiten mit Tipps für den Fall der Fälle, der
aber nie beim Namen genannt wird? Der GAU scheint tabu.
Das Papier wurde ´an sämtliche Haushalte´ verteilt. Aber nicht in München,
nur an die Bewohner im Zehn-Kilometer-Radius um den Reaktor. Heißt das,
dass jemand, der elf Kilometer entfernt wohnt, schon nichts mehr zu
befürchten hat? Stellt man diese Frage der Eon-Zentrale, reagiert die Sprecherin
recht pikiert: ´Das ist nicht besonders fair, dass Sie so etwas fragen.´ Eon
sei schließlich nicht für den Katastrophenschutz zuständig, man habe nur den
Druck der Broschüre finanziert.
Katastrophenschutzszenarien vorbereitet
Im Innenministerium verweist man auf Rahmenempfehlungen des Bundes, und
dass man irgendwo ja die Grenze ziehen müsse. München liegt in der ´Fernzone´
bis 100 Kilometer und ist fein raus: Eine Gefährdung Münchens sei ´fast
ausgeschlossen, aus diesem Grund wurden die Broschüren in München nicht
verteilt´. So weit weg ist die Landeshauptstadt, dass man den Münchnern den
Ohu-´Ratgeber´ nicht einmal im Internet anbietet.
Dabei sind auch für die Fernzone ´abgestufte Katastrophenschutzszenarien
vorbereitet´, welche ´die Mitarbeit und die Selbsthilfe der Bevölkerung
erforderlich´ machten. Der Ratgeber enthält interessante Tipps. Dass die Bürger
je nach Lage im Haus bleiben sollten, am besten im Keller, die Schuhe vor
der Tür stehen lassen, möglichst nur noch Lebensmittel essen sollten, die
sie schon im Haus haben, und Obst und Gemüse aus dem Garten vermeiden.
Das klingt nun gar nicht mehr beruhigend. Kann es sein, dass man die
Millionenstadt in der ´Fernzone´ nicht beunruhigen will? Nein, nein, erklärt der
Sprecher des Innenministeriums, ´die Bürger können sich an alle
offiziellen Stellen wenden´ mit ihren Fragen. Außerdem mache man ja immer wieder
Aufsehen erregende Katastrophenschutzübungen, von Verheimlichen könne keine
Rede sein.
Sicher sei, dass die Münchner Jodtabletten bekommen sollen im Ernstfall.
Die sollen die Schilddrüse so sättigen, dass sie kein verstrahltes Jod mehr
aufnehmen kann. Etwa 40 Millionen Tabletten seien in Bayern eingelagert, an
geheimen Orten, und nach einem GAU kann man sie in jeder der gut 400
Apotheken in der Stadt bekommen, kostenlos. Einnehmen aber bitte nur nach
amtlicher Aufforderung.
Man erfährt dann noch, dass im Katastrophenfall die Aktionen im
Innenministerium koordiniert würden, dass gegebenenfalls auch die Bezirksregierungen
mitarbeiten würden, und dass für alles weitere die Stadt München zuständig
sei. Dort wiederum kümmert sich die Berufsfeuerwehr um Katastrophen aller
Art. Auf der städtischen Internetseite erfährt man manches über den
Katastrophenschutz, dass es dafür ein eigenes EDV-Programm gibt namens Basis, dass
ein Gefahrenabwehrstab existiert und eine integrierte Leitstelle und der
Oberbürgermeister der oberste Verantwortliche ist.
Bunker aus dem Kalten Krieg
Über einen Katastrophenschutzplan für einen GAU in Ohu findet sich nichts.
Dabei gebe es ihn, sagt Feuerwehrchef Wolfgang Schäuble, um gleich
hinzuzufügen: Das meiste sei ´Verschlusssache´, er darf also nicht viel verraten.
Eine Evakuierung würde man ´eher nicht´ anordnen, weil es schlicht in
wenigen Stunden nicht möglich sei, zwei Millionen Menschen im Großraum in
Sicherheit zu bringen. Die obersten Verantwortlichen in der Stadt würden in einem
der Bunker untergebracht, die noch vom Kalten Krieg übrig und mit
Telefonen und Computern ausgerüstet sind.
Vermutlich findet sich dort auch das Regelwerk für die Katastrophe, ´das
wird aufgeklappt und dann geht´s los´. Da stehe etwa drin, wie man an die
nötigen Ärzte komme, welche Verhaltenstipps für die Bürger man wann über die
Medien herausgebe. Kurzum alles, ´was man im Vorfeld regeln kann, ohne zu
wissen, was auf einen zukommt´.
Nun kann man sich lebhaft ausmalen, dass es auch ohne eine amtliche
Evakuierung zum Chaos auf den Straßen kommt: Wer bleibt schon in der Stadt, wenn
aus Ohu eine radioaktive Wolke austritt? Was dann? Wer regelt den Verkehr?
Das sei Sache der Polizei, sagt der Feuerwehrchef und erklärt dann noch,
dass man in solch einer Katastrophensituation nur den Beginn der
Schutzmaßnahmen halbwegs planen und trainieren könne, wie der Fußballer den Freistoß:
Sobald der Ball im Spiel ist, muss man spontan handeln. Bloß dass der Gegner
dann die Wolke ist.
Ja, sagt Schäuble, es gebe in Kreisen der Katastrophenschützer schon immer
diese Diskussion: Soll man dem Bürger alles mitteilen, was in dieser Welt
so alles geschehen kann? Oder doch nur das Nötigste? Er selbst jedenfalls
wolle nun darüber nachdenken, den offiziellen Behörden-´Ratgeber´ für Isar 1
und 2 mit dem Eon-Logo auf die städtische Internetseite zu stellen.
Das AKW Gundremmingen bei Günzburg, dessen Haupteigner RWE ist, hat dies
mit einem praktisch inhaltsgleichen Ratgeber längst getan. Unter
www.kkw-gundremmingen.de erfahren auch Münchner, was Sache ist nach einem GAU.
Beruhigung inklusive: ´Bei allen Arten von Störfällen´ könne ´ein nennenswerter
Schaden in der Umgebung vermieden werden´.
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